Destination  Strategie 

Erstellt: 08.06.2026
uservon Alexander Seiz
Dipl.-BW (FH) Alexander Seiz

Dipl.-BW (FH) Alexander Seiz

Geschäftsführer

Stuttgart, Deutschland

alexander.seiz@kohl-partner.eu+49 7171 94 770 11+49 173 32 69 714Zum Autor

Heimat statt Hype: Regionalität als Grundlage für ein starkes Profil

Der Tourismus befindet sich mitten in einem Paradigmenwechsel. Höher, schneller, weiter und spektakulärer verliert im Zeitalter globaler Verunsicherungen zunehmend an Zugkraft. An seine Stelle tritt eine tiefe Sehnsucht nach dem Greifbaren, Verlässlichen und Unverfälschten. Das Zukunftsinstitut brachte diese Entwicklung in seiner bekannten Studie „Progressive Provinz“ (2021) prägnant auf den Punkt: „Das Spektakuläre rückt in den Hintergrund und das Einfache und Echte wird zum Spektakulären.“ Für Destinationen und regionale Betriebe bedeutet das: Regionalität ist kein nettes Marketing-Gimmick mehr. Sie ist das Fundament für ein krisenfestes, unverwechselbares Profil und der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Wertschöpfung.

Die neue Sehnsucht nach dem „Einheimischen auf Zeit“

Klassische Urlaubsarchitekturen werden von Megatrends wie der Neo-Ökologie und dem Wunsch nach Holistic Health – einer ganzheitlichen mentalen und physischen Gesundheit – überholt. Der moderne Gast sucht im Urlaub nicht mehr nur Erholung, sondern Erdung. Mikro-Erlebnisse und authentische Begegnungen auf Augenhöhe gewinnen massiv an Bedeutung. Der Tourist von heute möchte die Destination nicht nur konsumieren, er will sie als „Einheimischer auf Zeit“ mit allen Sinnen erfahren.

Dass dies keine reine Nischenbewegung ist, untermauern aktuelle Marktdaten: Laut der repräsentativen Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) legen mittlerweile weit über 60 Prozent der Reisenden großen Wert auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit im Urlaub. Noch deutlicher wird es beim Blick auf den kulinarischen Tourismus: Umfragen zum Beispiel von gastronomen.biz oder der TUI bestätigen, dass für mehr als drei Viertel aller Urlauber das Erleben regionaler Spezialitäten ein Hauptentscheidungskriterium für eine Reise darstellt.

Die multiplen Krisen der letzten Jahre haben das Bewusstsein für lokale Kreisläufe, echtes Handwerk und faire Produktion tief im Verbraucherverhalten verankert. Das Einfache – ein handgebackenes Brot, ein ehrliches Gespräch am Hofladen – wird zum neuen Luxus.

Der Blick aus der Praxis: Ungehobene Schätze bei den Erzeugern

Trotz dieser offensichtlichen Potenziale klafft in der Realität oft noch eine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Als Betreiber einer eigenen Mosterei kenne ich beide Seiten der Medaille genau: die des regionalen Produktmarketings und die des Tourismusmarketings. Er begleitet sowohl touristische Regionen wie auch Produzenten bei der Zusammenarbeit und kennt aus der täglichen Beratungspraxis von Erzeugergruppen die Herausforderungen – sei es bei einer Produzenteninitiative in Luxemburg, in einer traditionsreichen deutschen Weinregion oder bei engagierten Ciderherstellern in Baden-Württemberg.

Die bittere Wahrheit ist: Bei vielen landwirtschaftlichen und handwerklichen Produzenten ist der Tourismus als strategische Umsatzsäule schlicht noch nicht auf dem Schirm. Betriebsführungen oder Verkostungen werden im stressigen Alltag häufig als lästige Betriebsunterbrechung wahrgenommen und nicht als hochattraktive, margenstarke Einnahmequelle. Eigene Veranstaltungen oder Manufaktur-Öffnungszeiten schaffen es selten in die regionalen touristischen Datenbanken, wodurch sie für den digital suchenden Gast unsichtbar bleiben. Zudem fehlt oft das Know-how im Umgang mit Urlaubsgästen oder das Netzwerk, um Kooperationen mit der lokalen Hotellerie aktiv anzustoßen.

3 strategische Impulse: Wie DMOs Regionalität erlebbar machen

Touristiker und Destinationsmanager dürfen nicht mehr nur Verwalter sein, sondern müssen aktiv als Brückenbauer und Produktentwickler agieren. Mit diesen drei Hebeln lässt sich die Schnittstelle zwischen Erzeugern und Tourismus strategisch aktivieren:

  • arrowboldSchnittstellen digitalisieren und Datenflüsse sichern: Die beste Manufaktur bleibt unsichtbar, wenn ihre Öffnungszeiten und Hofführungen nicht im digitalen Ökosystem der Destination auftauchen. DMOs sollten Erzeuger aktiv dabei unterstützen, ihre Daten in landesweiten Tourismusdatenbanken einzupflegen. Erst durch strukturierte Open-Data-Datenstämme werden regionale Angebote für den Gast über Website, Apps und digitale Gästekarten auffindbar.
  • arrowboldErzeuger aktiv zu touristischen Akteuren qualifizieren: Landwirte, Winzer und Handwerker sind Experten für ihr Produkt, nicht für Gästebetreuung. Hier sind DMOs als Weiterbilder gefragt. Durch gezielte Workshops, Leitfäden für Erlebnisführungen oder Hilfestellungen bei Haftungsfragen und Buchbarkeit nehmen Touristiker den Produzenten die Berührungsängste und verwandeln lästige „Betriebsunterbrechungen“ in neue, touristische Umsatzquellen.
  • arrowboldInfrastruktur für regionales Storytelling bereitstellen: Die DMO als Plattformen für crossmediale Vernetzung nutzen. Das Spektrum reicht von gemeinsamen Branding-Konzepten („Das Gesicht unserer Region“) über Content-Pools mit Bildern und Texten für die Hotellerie bis hin zu digitalen Genuss-Routen. Wenn die DMO fertige Storytelling-Bausteine liefert, fällt es der lokalen Gastronomie und Hotellerie wesentlich leichter, die regionalen Produkte stolz in Szene zu setzen.

Fazit: Die Touristiker sind als Brückenbauer gefragt

Das enorme Potenzial an der Schnittstelle von Regionalität und Tourismus lässt sich nur heben, wenn wir die Erzeuger nicht allein lassen. Bauern, Winzer und Handwerker sind Experten für ihre Produkte, nicht zwingend für touristischen Vertrieb. Hier sind die DMOs und lokalen Touristiker gefragt: Sie müssen als Brückenbauer agieren.

Es braucht gezielte Qualifizierungsmaßnahmen, Unterstützung bei der Digitalisierung der Angebote und Plattformen, die Erzeuger und Gastronomen aktiv vernetzen. Auch bei den Nachhaltigkeitszertifizierungen von Destinationen spielt die Zusammenarbeit mit den regionalen Produktherstellern eine große Rolle. Wenn es gelingt, die Betriebe für den Tourismus zu öffnen und ihnen den wirtschaftlichen Wert von Gästekontakten aufzuzeigen, gewinnt die Destination das Wichtigste, was man im globalen Wettbewerb braucht: absolute Unverwechselbarkeit. Heimat schlägt Hype – man muss sie nur erlebbar machen.

© Felix Polinski

Hinter den Kulissen: Strategie trifft Herzblut

Wenn Alexander Seiz nicht gerade als Standortleiter von Kohl & Partner in Stuttgart Destinationen strategisch in die Zukunft führt, findet man ihn auf den heimischen Streuobstwiesen. Im Nebenerwerb betreibt er mit großer Leidenschaft eine eigene Mosterei, stellt regionale Produkte her und vermarktet diese selbst. Diese seltene Doppelperspektive macht ihn zum idealen Brückenbauer: Als Berater begreift und lenkt er die strategische Zusammenarbeit von Produzenteninitiativen und Tourismusverbänden direkt aus der Praxis für die Praxis.

Nachricht senden

Adressdaten

teilen

emailfacebook01twitterwhatsapp

Ähnliche Beiträge